Es beginnt meist harmlos. Ein Clip von einem perfekten Richtungswechsel. Ein Technik-Tutorial, das in 20 Sekunden verspricht, den Sprung zu verbessern. Ein Highlight-Video aus einem Nachwuchsleistungszentrum irgendwo in Europa, geschnitten auf Bass, unterlegt mit einer Quote à la „No excuses“. Jugendliche scrollen – in der Pause, auf dem Heimweg, abends im Bett. Für viele gehört das längst zum Sport dazu wie Spikes, Tape oder Trinkflasche.
Und doch ist Social Media im Jugendsport ein ambivalentes Terrain. Denn was Jugendliche dort sehen, ist selten Training. Es ist Darstellung: die besten Sekunden aus den besten Tagen. Die „Top-Trys“ aus einer Woche, in der sonst auch Fehlpässe, Müdigkeit, Wachstumsschmerzen und Selbstzweifel stattfinden. Wer das nicht einordnen kann, vergleicht unweigerlich das eigene „Ganzjahres-Leben“ mit der kuratierten Hochglanzrolle anderer – und verliert.
Die Forschung zeichnet dieses Bild zunehmend klarer: Social-Media-Nutzung hängt bei Jugendlichen mit Wohlbefinden zusammen, aber nicht linear und nicht für alle gleich. Bei jungen Athletinnen und Athleten kommt eine zusätzliche Ebene hinzu: Leistung, Körperbild, Kaderlogik, Konkurrenz. Eine Studie in Scientific Reports fand app-spezifische Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung und mentalem Wohlbefinden, die je nach Leistungsniveau unterschiedlich ausfallen können – bei niedrigeren Leistungsstufen eher negativer, bei national/internationalen Athleten teils schwächer oder anders gelagert.
Das ist eine wichtige Botschaft – und zugleich eine Warnung: Social Media ist nicht „gut“ oder „schlecht“. Es ist ein Verstärker. Für Motivation. Für Wissen. Für Zugehörigkeit. Aber ebenso für Vergleich, Druck und Selbstzweifel.
Wenn der Vergleich zur Grundstimmung wird
Jugendliche vergleichen sich. Das ist nicht neu. Neu ist die Reichweite. Früher waren es Teamkollegen, Rivalen aus der Region, vielleicht ein Poster an der Wand. Heute ist es ein endloser Feed, in dem der Algorithmus genau jene Inhalte wiederholt, die Aufmerksamkeit binden: Spektakel, Körper, Extreme, Siege.
Psychologisch ist das problematisch, weil Social Media Aufwärtsvergleiche begünstigt: Man sieht fast immer Menschen, die vermeintlich weiter sind – stärker, definierter, schneller, cooler. Und weil der Feed nie erklärt, was hinter einem Clip steckt, entsteht ein implizites Narrativ: „So müsstest du auch sein – jetzt.“
Druck ist nicht nur Wettkampf. Druck ist auch ein permanentes Gefühl, beobachtet zu werden – selbst dann, wenn niemand im Stadion steht. Die Bewertung passiert im Kopf.
Ein weiteres Risiko liegt im „Beweis-Gedanken“: Wenn eine Leistung nicht nur erlebt, sondern sofort dokumentiert werden soll, verändert sich die Motivation. Dann wird Training zur Produktion – und Sport zur Bühne. Das klingt dramatisch, aber viele Jugendliche beschreiben genau dieses Gefühl: Nicht nur besser werden, sondern auch zeigen, dass man besser wird.
Die unsichtbare Verschiebung: von Selbsterfahrung zu Selbstdarstellung
Ein zentrales Merkmal des Jugendsports ist Lernen – und Lernen ist unglamourös. Es besteht aus Wiederholungen, aus Fehlern, aus Tagen, an denen es zäh läuft. Social Media dagegen belohnt das Gegenteil: das Außergewöhnliche, das Glatte, das Spektakuläre. Das kann dazu führen, dass Jugendliche die falschen Dinge trainieren: nicht das, was sie langfristig besser macht, sondern das, was kurzfristig Eindruck macht.
Damit sind wir mitten im Kern unseres HeyPlayr-Artikels „Koordination im Jugendalter: Das goldene Lernfenster, das kein Talent ersetzen kann“. Koordination entsteht durch Vielfalt, durch saubere Grundlagen, durch Geduld. Viral sind meist die Endprodukte – nicht die Grundlagen. Wer sich am Endprodukt orientiert, überspringt die Phase, in der echte Robustheit entsteht.
Gerade in Wachstumsschüben ist das gefährlich: Jugendliche brauchen dann mehr Ruhe, mehr Technikpflege, mehr „Basics“. Social Media zeigt ihnen aber oft genau das Gegenteil: „Mehr“, „härter“, „noch eine Einheit“.
Was Studien über junge Athleten und Social Media nahelegen
Für den Sportkontext gibt es inzwischen spezifischere Forschung. Eine empirische Studie zu Selbstpräsentation von jugendlichen Athleten auf Social Media untersucht, wie Selbstdarstellung mit psychologischen Faktoren zusammenhängt – ein Hinweis darauf, dass es im Athletenkontext nicht nur um „Nutzung“, sondern um Performanz-Selbstbild und Darstellungsdruck geht.
Andere Arbeiten betonen die Bandbreite von Effekten – von Verbindung und Identitätsarbeit bis zu Stress, Schlafproblemen und Körperbilddruck. Ein Beitrag auf der Plattform Hogrefe fasst zusammen, dass Social-Media-Nutzung bei Athleten u. a. mit Körperbild, Stress, Schlaf und Leistung in Verbindung stehen kann – allerdings ist die Datenlage heterogen und kontextabhängig.
Besonders relevant im Jugendbereich ist zudem das Thema „negative Emotionen“ und „Sucht-ähnliche Nutzung“: Eine Open-Access-Studie berichtet bei jugendlichen Sportlern (engl. "adolescent athletes") Zusammenhänge zwischen Social-Media-Sucht und negativen Emotionen.
Das Wichtigste daran: Es geht nicht um Moral („Handy weg!“), sondern um Mechanismen.
Schlaf, Regeneration, Algorithmus – ein Dreieck mit Nebenwirkungen
Der vielleicht unterschätzteste Punkt: Social Media wirkt nicht nur über Inhalte, sondern über Verdrängung. Was verdrängt wird, ist oft Schlaf. Und Schlaf ist der größte Leistungshebel im Jugendalter – wie wir in „Schlaf als Leistungsbooster“ und „Regeneration im Jugendalter: Warum Erholung der unterschätzte Trainingspartner ist“ ausführlich beschrieben haben.
Wenn Jugendliche abends im Bett scrollen, passiert mehr als Zeitverlust: Das Nervensystem bleibt aktiv, die Einschlafzeit verschiebt sich, die Regeneration leidet. Und wer müde ist, bewegt sich schlechter – unkoordiniert, instabil, risikoreicher. Genau das ist die Kette, die später als „plötzlich verletzt“ erscheint, obwohl sie sich langsam aufgebaut hat.
Eine Editorial-Analyse zum Einfluss von Social Media auf Athleten-Mental-Health beschreibt ebenfalls diese Doppelrolle: Social Media kann verbinden und informieren, kann aber auch belasten – und fordert mehr Aufklärung, Schutz und Forschung.
Körperbild im Sport: Wenn „fit“ zur Pflicht wird
Im Jugendsport ist Körper ohnehin Thema: Wachstum, Proportionen, Pubertät. Social Media legt darüber eine zweite Schicht – eine Bildwelt, in der „athletisch“ oft gleichbedeutend ist mit „fotogen definiert“. Für Jugendliche kann das in eine gefährliche Richtung kippen: Diättrends, „What I eat in a day“, hyperfokussierte Körperoptimierung.
SRF hat jüngst über eine ZHAW-Studie berichtet, wonach idealisierte Darstellungen auf Social Media insbesondere Mädchen unter Druck setzen können – inkl. Mechanismen wie Aufwärtsvergleichen.
Und im Sportkontext zeigen qualitative Arbeiten zu Teen-Athleten, dass Social Media Körperbild-Unzufriedenheit verstärken kann und dass ein Teil der Jugendlichen Bilder bearbeitet, um Standards zu entsprechen.
Ein Körper ist nicht nur Optik, er ist Funktion. Wer nur „Form“ sieht, übersieht „Funktion“ – und damit Gesundheit.
Was Eltern und Trainer konkret tun können – ohne Kulturkampf
Die gute Nachricht: Es gibt wirksame, alltagstaugliche Strategien. Und sie beginnen nicht mit Verboten, sondern mit Medienkompetenz.
1) Feed-Hygiene statt Handy-Krieg.
Jugendliche sollen lernen, warum ihnen bestimmte Inhalte gezeigt werden. Der Algorithmus ist kein Spiegel der Wahrheit, sondern ein Spiegel von Aufmerksamkeit. Wer das versteht, nimmt Vergleiche weniger persönlich.
2) „Training für den Körper“ vs. „Training für die Kamera“.
Trainer können bewusst Phasen schaffen, in denen nicht gefilmt wird – und Phasen, in denen Filmen als Techniktool genutzt wird (Analyse statt Selbstdarstellung).
3) Schlaffenster schützen.
Die stärkste Regel ist oft die schlichteste: Handy nicht im Bett. Nicht als Strafe, sondern als Performance-Prinzip.
4) Sprache ändern.
Nicht „Du hängst zu viel am Handy“, sondern „Merkst du, wie du dich nach 20 Minuten Scrollen fühlst?“ – das verschiebt Kontrolle zurück zum Jugendlichen.
Ein realistischer Blick: Social Media wird nicht verschwinden – also braucht es Regeln, die funktionieren
HeyPlayr will keine Anti-Social-Media-Plattform sein. Im Gegenteil: Wir wollen die Vorteile nutzbar machen – Inspiration, Lernmaterial, Community – ohne die Nebenwirkungen zu ignorieren.
Der Punkt ist nicht „weniger Social Media“ um jeden Preis. Der Punkt ist besseres Social Media: bewusst, zeitlich begrenzt, inhaltlich kuratiert, eingebettet in Schlaf, Regeneration, echtes Training und echte Beziehungen.
Oder anders: Der Feed darf nicht der Coach werden.